Herausfordernde Kunden – Menschen mit Demenz


Eine pflegebedürftige 80jährige zeigte kürzlich auf einen Flyer und meinte: „Wenn ich immer wieder diese Bilder von glücklich strahlenden Senioren sehe, macht mich das wirklich wütend!

Wir haben verstanden, was sie meint. Lange nicht alle älteren Menschen sind derartig glücklich und zufrieden – auch nicht, wenn sie von hilfsbereiten Menschen umgeben sind, die ihre Lebensumstände verbessern wollen.

Eine „Verbesserung“ bedeutet auch immer Veränderung und macht den Menschen deutlich, was zwar offensichtlich, aber trotzdem unliebsam ist: sie sind keine agilen jungen Menschen mehr. Ihre Gesundheit und ihre Fähigkeiten bauen ab.

Ihre Weisheit und Lebenserfahrung, die in anderen Kulturen hoch geschätzt werden, spielen in unserer Gesellschaft leider nur eine geringfügige Rolle und können den Verlust der Jugend nicht ersetzen.

Verständlich, wenn die Stimmungslage unter diesen Umständen nicht immer die beste ist – vor allem, wenn man sich zudem auch noch einsam fühlt.

Doch bei mehr und mehr Menschen werden Verhalten und Stimmungslage nicht alleine durch ihre Lebensumstände geprägt, sondern es stehen viel ernstere Ursachen dahinter. Und mit diesen Menschen werden Handwerker/innen, die Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen durchführen, regelmäßig in ihrem Berufsalltag konfrontiert.

Demenz als Ursache für Stimmungs- und Verhaltensschwankungen

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft schätzt, dass es bereits im Jahr 2030 mehr als Zwei Millionen Betroffene geben wird.

Es ist naheliegend, dass Berufsgruppen, deren Zielgruppe pflegebedürftige Menschen und Senior/innen sind, jetzt und in Zukunft auch überproportional häufig mit Menschen zu tun haben, die psychisch beeinträchtigt sind und/oder eine (beginnende) Demenz aufweisen.

Statistik Demenz

Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Schätzung auf Basis der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung

Was können erste Anzeichen für Demenz sein?

Nahezu jedem ist mittlerweile sicherlich bekannt, dass eine Demenz in der Regel mit dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses einhergeht. Wichtige Termine werden vergessen und Betroffene wissen nicht mehr, was sie gestern unternommen haben oder ob und mit wem sie welche Absprachen getroffen haben.

Im Gespräch werden sie zunehmend ablenkbarer. Ihnen fällt es schwerer sich zu konzentrieren, verlieren leichter den Gesprächsfaden und haben Schwierigkeiten auf Fragen konkret und zu realistisch antworten.

Insgesamt fällt Demenzkranken das komplexe Denken deutlich schwerer. Dadurch werden Zusammenhänge nicht richtig erkannt und schnell die falschen Schlussforderungen gezogen. Nicht selten verhalten sie sich dann in einer Situation unüblich und völlig überraschend für ihr Gegenüber.

Die Betroffenen merken anfänglich selbst, dass Schwierigkeiten auftreten – vor allem wenn sie immer häufiger nach den richtigen Begrifflichkeiten suchen müssen oder anderweitig durch ihr Gedächtnis im Stich gelassen werden. Schon das kann sich verständlicherweise deutlich auf ihre Stimmung und ihr Verhalten auswirken.

Viele schaffen es trotzdem eine Zeit lang noch den Schein der Normalität zu wahren. Zumal es immer wieder Zeiten gibt, in denen sie völlig normal zu sein scheinen. Früher oder später häufen sich jedoch die Situationen, in denen deutlich wird, dass ein Realitätsbezug und die geistige Urteilsfähigkeit fehlt.

Wohnungsanpassung bedeutet, auch mit psychisch beeinträchtigten Kunden zu kommunizieren

Was bedeutet das für Handwerker/innen, die in der Regel nicht im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Menschen geschult sind? Denn während es in Sozial- und Gesundheitsberufen mittlerweile fast selbstverständlich ist, Mitarbeiter/innen entsprechend zu sensibilisieren, ist dies in anderen Branchen – wie z. B. im Handwerk – leider noch lange nicht die Regel.

Der demografische Wandel bietet also Handwerker/innen nicht nur Chancen, sondern stellt sie damit gleichzeitig vor neue Herausforderungen.

Wie kann man Dienstleistungen für jemanden erbringen, der/die nicht mehr einschätzen kann, was er/sie benötigt oder was grundsätzlich realisierbar ist?

Ohne Zusatzqualifizierung wird es schwierig

Handwerker/innen, die sich im Bereich „Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen“/ “Barrierefreies Bauen“ weiterbilden und zertifizieren lassen wollen, sollten daher immer darauf achten, dass sie nicht nur bauliches Zusatzwissen erwerben, sondern dass das Thema „Krankheitsbilder“ und der Umgang damit ebenfalls ein Bestandteil der Weiterbildung ist.

Doch auch dann muss man sich darauf einstellen: bei dieser Arbeit reicht alleine die Liebe zum Handwerk nicht aus. Man benötigt dafür auch viel Liebe zum Umgang mit (schwierigen) Menschen. Und deshalb ist es eine besondere Herausforderung, in diesem Bereich zu arbeiten.

Ich will aber (nicht)!

Alle Kundinnen und Kunden haben selbstverständlich eine bestimmte Vorstellung, wie ihr Bad oder ihre Küche idealerweise für sie angepasst werden sollte. Jedoch ist leider nicht immer alles, was gewünscht wird, im Wohnbestand auch technisch realisierbar oder für die jeweilige Person sinnvoll zu nutzen.

Im Beratungsgespräch gehen qualifizierte Fachbetriebe immer auf die Wünsche ihrer Kundinnen und Kunden ein und zeigen ihnen dann jeweils individuell die Lösungen auf, die in ihrem Wohnumfeld tatsächlich umsetzbar sind. Außerdem erläutern sie Vor- und Nachteile von verschiedenen Lösungen im täglichen Gebrauch zur besseren Entscheidungsfindung.

In der Regel finden sie auf diese Weise dann immer gemeinsam eine Lösung, mit der die Betroffenen sehr zufrieden sind. Auch wenn unter Umständen Kompromisse eingegangen werden müssen.

Barrierefreies Bad

Ebenerdige Dusche mit mehr Bewegungsfreiheit (Beispielbild) Foto: DOC-DARMER

Wenn Kundinnen oder Kunden allerdings psychisch belastet oder durch Demenz beeinträchtigt sind, sind sie nicht selten für Argumente blockiert und verhalten sich völlig irritierend.

Vor kurzem hatte ein Berliner Fachbetrieb für Barrierefreies Bauen zum Beispiel einen Kunden, der seine vorhandene Dusche nicht mehr nutzen kann, weil der Einstieg für ihn zu hoch ist. Außerdem erschwert die Duschkabine zusätzlich den Weg zu seinem WC. Sein Bad ist lediglich 1,30 breit, so dass neben der Duschkabine lediglich eine Wegbreite von ca. 40 cm zur Verfügung steht.

Ein Durchkommen ist für ihn jetzt schon schwierig – wenn er zukünftig einen Rollator oder Rollstuhl benötigt aber absolut unmöglich. Und auch eine Pflegeperson kann ihn so nicht zum WC begleiten.

Die Firma riet daher, beim Umbau zu einer ebenerdigen Dusche sinnvollerweise auf eine Duschkabine ganz zu verzichten und stattdessen als Spritzschutz lediglich einen Duschvorhang zu installieren. Seine Reaktion darauf kam auch für sie erst einmal völlig überraschend.

Er strampelte wie ein Kind mit den Füßen und schrie immer wieder: “Ich will keinen Duschvorhang!”

Das Einzige, was man in so einem Fall tun kann, ist ruhig bleiben, langsam zu sprechen und einfache kurze Sätze zu formulieren. Vor allem aber muss man – auch, wenn es schwer fällt – den Betroffenen erst einmal aufmerksam zuhören und abwarten, bis sie sich beruhigt haben.

Nur, wenn sich demenziell Erkrankte mit ihrer anderen Wahrnehmung auch akzeptiert fühlen, kann man hoffen, zu einer Einigung zu gelangen.

Sollte sich die Situation allerdings auch dann nicht beruhigen, sind Fachfirmen auf die Unterstützung von Angehörigen oder Pflegeberater/innen angewiesen. Denn manchmal kann es in einem solchen Fall durchaus sinnvoll sein, den Ansprechpartner zu wechseln, um die Situation zu entschärfen.

Deshalb möchten wir uns an dieser Stelle auch bei allen Mitarbeiter/innen von Pflegediensten und Pflegestützpunkten bedanken, die seit vielen Jahren vertrauensvoll mit Fachbetrieben für Wohnumfeldverbessernde Maßnahmen zusammenarbeiten.

Denn nur, wenn alle an einem Strang ziehen, können Menschen mit Demenz ausreichend unterstützt werden, in ihrem gewohnten Umfeld zu verbleiben.

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